Umfrage unter besonderen Vorzeichen durch Corona-Pandemie – Kulturfonds gewinnt wichtige Erkenntnisse und will gemeinsam mit Kulturveranstaltern der Region die richtigen Schlüsse für die Zukunft ziehen

Kultur verbindet Menschen über Grenzen hinweg, bietet Angebote für jede und jeden und muss gleichzeitig nach den herausfordernden Pandemiejahren in gewisser Weise einen neuen Anlauf nehmen. Denn: Die Pandemie hat wie an vielen Stellen auch für die Nutzung kultureller Angebote erhebliche Folgen gehabt und diese erschwert. Das sind einige der grundlegenden Erkenntnisse des „Kulturbarometers 2022“, das die Nutzung von Kulturangeboten und das Kulturempfinden von Bürgerinnen und Bürgern aus der Region Frankfurt-Rhein-Main erfasst. Durchgeführt wurde die Umfrage im Auftrag des Kulturfonds Frankfurt RheinMain vom renommierten Meinungsforschungsinstitut dimap.

Konkret verdeutlichen die Ergebnisse der Umfrage, dass die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger (70 %) zukünftig öffentlich zugängliche Kulturangebote genauso häufig oder sogar noch häufiger als vor den pandemiebedingten Einschränkungen nutzen und dafür weniger auf Angebote im privaten Raum zurückgreifen will. „Viele Menschen sehnen sich nach Begegnungen und Erlebnissen vor Ort. Nach vielen Monaten des Verzichts, in denen Besuche von Präsenzveranstaltungen kaum oder gar nicht möglich waren, freuen sich viele Kulturinteressierte auf eine Rückkehr zu mehr Normalität. Und das auch im Kulturleben“, erklärt Karin Wolff, Geschäftsführerin des Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

Die Befragung hat allerdings auch gezeigt, dass viele Kulturangebote unter den pandemiebedingten Einschränkungen gelitten haben. Am häufigsten haben die Menschen in der Region während der Pandemie Kinovorstellungen (41 %), Events und Straßenkunst (34 %) und Konzerte (33 %) besucht, während Ausstellungen (28 %), Theatervorstellungen (26 %) oder Literaturveranstaltungen (10 %) von weniger als einem Drittel der Bevölkerung genutzt wurden. Ein Trend hin zur vermehrten Nutzung von Freiluftveranstaltungen, z.B. von Konzerten, während der vergangenen beiden Jahre ist eindeutig erkennbar.

Karin Wolff analysiert, dass es außer Corona weitere Ereignisse und Umstände gab und gibt, die in kürzester Zeit und teilweise parallel auf uns alle eingeprasselt und für diese gemischten Resultate mit verantwortlich sind: „Dass die Ergebnisse so ausfallen, lässt sich nicht nur, aber sicherlich zu einem großen Anteil, auf die Themen zurückführen, die uns derzeit alle umtreiben: Corona, Krieg mitten in Europa, steigende Energie- und Lebensmittelpreise, Inflation, Klimawandel. Die Menschen haben aktuell in erster Linie diese herausfordernden Themen im Kopf, weshalb anderes zwangsläufig zu kurz kommt. Und das ist natürlich absolut nachvollziehbar – allerdings auch schade, nicht nur für die Kultur.“ Zu diesem Ergebnis kommen auch andere Umfragen, wie beispielsweise der ARD-DeutschandTrend vom August: Mit 50 % gab dort die Hälfte der Befragten angesichts steigender Preise an, im Freizeitbereich sparsamer zu sein und beispielsweise auf Kinobesuche zu verzichten.

Kulturbarometer mit Schwerpunkt „Kultur in der Pandemie“

Die Umfrage des Kulturfonds Frankfurt RheinMain stand unter besonderen Vorzeichen durch die einschneidenden Auswirkungen der Corona-Pandemie seit dem Frühjahr 2020, die die kulturellen Aktivitäten vieler Menschen der Region bis heute unmittelbar beeinflussen. Die Befragung fand im Juli 2022 und damit in einer Übergangszeit zwischen Erinnerungen an die ersten Lockdowns und Kontaktbeschränkungen, einer sich entspannenden Infektionslage und der erneut aufkommenden Debatte über neue Infektionswellen ab Herbst 2022 statt. „Für uns war es deshalb sehr wichtig, dass wir beim Kulturbarometer ein zentrales Augenmerk auf Kulturnutzung und -empfinden vor, während und ‚nach‘ der Pandemie legen, um neue Erfahrungswerte sammeln und die richtigen Schlüsse für die Zukunft ziehen zu können,“ so Wolff mit Blick auf die Ergebnisse des Kulturbarometers. „Gemeinsam mit unseren Projektpartnern, also den Veranstaltern von Kunst und Kultur, und den Gremien des Kulturfonds wollen wir uns den durch Corona entstandenen neuen Herausforderungen stellen und entsprechende Lösungen und Ideen kreieren.“

Es gehe beispielsweise darum zu eruieren, welche neuen Maßnahmen und Formate in der „Corona-Zeit“ gut funktioniert hätten und von den Bürgerinnen und Bürgern gut angenommen wurden. Gleichzeitig müsse man aber auch hinterfragen, was alle Kulturschaffenden gemeinsam anpacken können, um die Menschen in der Region wieder stärker mit Kunst und Kultur zusammenzubringen und sie davon zu begeistern. Auch der Kulturbereich wolle mit den Entwicklungen der Zeit gehen und gemeinsam Neues lernen und ausprobieren. Denn Karin Wolff stellt nüchtern fest: „Die Umfrage zeigt, dass bei vielen Menschen eine generelle, pandemiebedingte Kulturmüdigkeit besteht, die den gesamten Kulturbereich betrifft, so wie Corona auch den Sport und das Vereinsleben generell geschüttelt hat. Dazu kommen die akuten Preissteigerungen und die geopolitischen Fragen, die uns alle bewegen. Mit Blick auf die vergangenen Jahre und die aktuelle Situation ist diese (Kultur-)Müdigkeit eine verständliche und nicht überraschende Entwicklung, auf die wir uns gemeinsam mit unseren Partnern aus Kunst und Kultur einstellen und entsprechende Lösungen finden wollen.“

In seiner Funktion als enger Partner der Kulturschaffenden in der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main will der Kulturfonds an den neuen Herausforderungen weiter wachsen und seine katalysierende Funktion zur Vernetzung der Kulturveranstalter in der Region stärken. „Wie viele andere Lebensbereiche müssen sich auch Kultur und alle Kulturschaffenden weiterentwickeln, wir sollten die veränderte Situation gemeinsam als Chance begreifen. Kultur trägt gerade in Zeiten wie diesen eine noch größere Verantwortung für die kulturelle Bildung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen und hat gleichzeitig einen wichtigen Stellenwert für Begegnungen, gegenseitigen Austausch und neuen Erlebnissen, nach denen sich viele sehnen“, richtet Wolff den Blick nach vorne.

Hohe Zufriedenheit mit dem Kulturangebot in der Region

Die Auswertung des Kulturbarometer zeigt, dass eine große Mehrheit der Befragten nach den enormen Einschränkungen der vergangenen zwei Jahre, gerade in Bezug auf die begrenzten Möglichkeiten eines Besuchs von Präsenzveranstaltungen, nach wie vor zufrieden mit dem Kulturangebot in der Region ist. 71 Prozent empfinden dieses als gerade richtig – die Zahl derer, die das Angebot als unzureichend bewerten, liegt dagegen bei nur 13 Prozent.

Spannend und erfreulich zugleich sind auch die Ergebnisse mit Blick auf den Faktor „Migrationshintergrund“. So lässt sich ein klarer Trend erkennen, dass es nur geringe bis keine Unterschiede mehr bei den Ergebnissen von Menschen mit Migrationshintergrund (im Folgenden: mit MH) im Vergleich zu Menschen ohne Migrationshintergrund (im Folgenden: ohne MH) gibt. Das zeigt sich beispielsweise bei der Nutzung verschiedener Kulturangebote wie dem Besuch von Konzerten (mit MH: 59 %; ohne MH: 62 %), Ausstellungen (mit MH: 48 %; ohne MH: 50 %) oder Literaturveranstaltungen (mit MH: 19 %; ohne MH: 20 %), wo die Werte nahezu identisch sind. Für Karin Wolff eine sehr positive Entwicklung: „Wir legen großen Wert darauf, dass Kultur in der Region für alle zugänglich ist und wir Menschen verbinden. Kunst und Kultur haben das Potenzial, verschiedene Identitäten und Kulturen miteinander zu vereinen und Angebote für jeden einzelnen zu schaffen.“

Nutzung kultureller Angebote: Lesen nach wie vor besonders beliebt

Die Bedeutung der Buchlektüre übertrifft auch weiterhin die Nutzung anderer Kulturangebote und ist somit für die meisten Menschen der erste Kontaktpunkt mit Kultur. Ihre Relevanz hat während der Pandemie sogar noch zugenommen. Auf die Frage, ob man während der Pandemie mehr, genauso viel oder weniger gelesen hätte als davor, antworteten 35 Prozent, also gut ein Drittel der Befragten, „Mehr“, 58 Prozent „Genauso viel“ und nur 7 Prozent „Weniger“. In diesem Themenkomplex lassen sich deutliche soziale Unterschiede feststellen, und auch solche, die sich im Vergleich unter den Generationen zeigen. Während Bücher von Menschen aus der oberen Einkommensgruppe (über 3.000 €) von 83 Prozent als Zugang zur Kultur genutzt werden, liegt der Wert bei der unteren Einkommensgruppe (unter 1.000 €) bei lediglich 67 Prozent. Darüber hinaus lesen 82 Prozent der über 65-Jährigen Bücher. Bei den jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren sind es immerhin noch 65 Prozent.

Höchste Bereitschaft bei Zeitaufwand für Anfahrtswege zu Konzerten, Ausstellungen oder Theaterbesuchen

Bei der Frage, wie viel Zeit die Bürgerinnen und Bürger in Kauf nehmen, um Kulturangebote zu erreichen, hat die Corona-Pandemie hingegen keine konkrete Auswirkung. Für Konzerte nehmen Bürgerinnen und Bürger der Region die weiteste Anreise in Kauf. 73 Prozent der Befragten sind bereit, 46 Minuten und mehr zu investieren, um zum Veranstaltungsort zu gelangen. Für eine Ausstellung oder einen Theaterbesuch sind noch 57 bzw. 56 Prozent der Befragten bereit, mehr als 46 Minuten Zeit für die Anreise auf sich zu nehmen. Anders verhält es sich beispielsweise bei der Anfahrt zu einer eigenen künstlerischen Betätigung. Mehr als die Hälfte der Befragten (52 %) wollen dafür nicht länger als 30 Minuten unterwegs sein. Und auch für einen Kinobesuch wollen viele Menschen für die Anfahrt nicht mehr als 30 Minuten einplanen (62 %).

Traditionelles Kulturverständnis überwiegt

Das genereller Kulturverständnis der Menschen in der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main schließt überwiegend traditionelle Kulturangebote ein: Theater und klassische Konzerte verstehen über 80 Prozent der Befragten als Kultur, Ausstellung (74 %) und Bücher (64 %) folgen auf Platz zwei und drei. Mehrheitlich werden aber auch Kino, Film und Fotografie (60 %) und Rock- und Popkonzerte, Events und Straßenkunst (56 %) sowie eigene künstlerische Betätigungen (47 %) mit dem Kulturbegriff assoziiert. Fernsehen und Internet hingegen bringen weniger als ein Drittel der Befragten mit dem Wort „Kultur“ in direkten Zusammenhang.

Die Umfrage wurde vom Meinungsforschungsinstitut dimap durchgeführt, die mithilfe computergestützter Telefoninterviews und Online-Interviews das Kulturempfinden in der Pandemie und die Nutzung von Kulturangeboten von Menschen aus der Region Frankfurt-Rhein-Main erfasst haben. Insgesamt wurden 2.037 Bürgerinnen und Bürger ab 18 Jahren aus dem Rhein-Main-Gebiet über einen dreiwöchigen Zeitraum vom 4. bis 23. Juli 2022 befragt.

Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain wurde im Jahr 2007 auf Initiative der Hessischen Landesregierung als gGmbH mit Sitz in Bad Homburg gegründet. Hauptaufgabe des Kulturfonds ist es, die Metropolregion Frankfurt RheinMain durch kulturelle Zusammenarbeit besser zu vernetzen, die Attraktivität zu stärken sowie die kunst- und kulturgeschichtliche Tradition der Region zu dokumentieren. Der Fonds fördert vor allem Projekte mit nationaler und internationaler Strahlkraft und daneben auch regional vernetzende Kulturaktivitäten.

Kulturbarometer 2022