Hannah Schassner | Theatermacherin, Frankfurt a. M.

Von mir aus gegenüber…

 

Das ist ein Auge.

Mein Auge.

Mein eines Auge.

Mein rechtes Auge, um genau zu sein.

Wobei, wenn du mich anschaust, ist es mein linkes Auge.

Also, von mir aus gesehen ist es von dir aus gesehen links.

Also, von dir aus gesehen ist es von mir aus gesehen rechts.

Es ist verwirrend.

 

Manche Sprachen können das: In der Beschreibung von rechts und links das Gegenüber mitdenken.

Auch in der Beschreibung von oben und unten, entfernt oder nah, vor oder hinter.

Von all dem, wo scheinbar objektiv beschrieben, aber subjektiv gemeint wird.

 

Objektiv könnte man sagen: 

Das Auge ist geöffnet.

Die Iris ist blau-grün.

In der Mitte der Iris sitzt eine verkleinerte schwarze Pupille.

Um die Iris herum ist ein dunkelblauer Ring.

Das Weiß des Augapfels kontrastiert mit dem Blau-Grün der Iris.

Die Wimpern sind geschwungen und getuscht.

Auf dem unteren Lid sitzt schwarzer Lidstrich.

Die Haut, auf und in der das Auge sitzt, ist hell.

 

Subjektiv könnte man sagen:

Das Auge ist sehr schön.

Es ist von allen Augen das schönste Auge, das ich jemals gesehen habe.

Das Auge ist ganz normal.

Es ist ein ganz normales blau-grünes Auge, und ich habe schon viele dieser Art gesehen.

Das Auge ist hässlich.

Es ist das Auge eines hässlichen Monsters und es macht mir irgendwie Angst, wenn es mich anstarrt.

Das Auge ist verdammt egal.

Es ist einfach nur ein verdammtes Auge und es interessiert mich nicht die Bohne.

Das Auge ist eine Bühne.

Es ist der Rahmen, der die Geschichte erzählt, die hinter dem Blau-Grün verborgen ist:

 

Es ist der Rahmen, der die Geschichte erzählt....

… wie ich mit 0 mit erhobener Faust auf die Welt kam und von meiner Mutter Monika im Arm gehalten wurde.

… wie ich mit 1 zu meiner Tante Petra sagte: „Sach ma, binnst du, Hannah Nüsse essen!“

… wie ich mit 2 Angst vor Spritzen hatte und meinem Kinderarzt, Herr Dr.Kämmerer, in die Weichteile trat.

… wie ich mit 3 von einer Katze namens Mickey um den Belag meines Wurstbrotes gebracht wurde.

… wie ich mit 4 auf die Idee kam, mir die Haare lang zu schneiden und meine Frisörin Kerstin mir sagte, das sei nicht möglich.

… wie ich mit 5 lernte zu lesen, weil meine beste Freundin Sabrina schon in der Schule war.

… wie ich mit 6 meinem Patenonkel Gerd auf dem Bundesgartenschaugelände verloren ging.

… wie ich mit 7 bei meiner Nachbarin Vanessa vergessen wurde, als meine Familie in Urlaub fuhr.

… wie ich mit 8 mit meiner Schwester Katrin eine Tigerente aus Holz gebastelt habe, die heute noch bei mir zuhause wohnt.

… wie ich mit 9 in meinen Schulkameraden Christian verliebt war und er mich auf dem Pausenhof einmal anlächelte.

… wie ich mit 10 Daniel kennenlernte, der die traurigsten Augen hat, die ich jemals gesehen habe.

… wie ich mit 11 meine Schwester Kristin in Jena besuchte und mit ihr beim Fernsehgucken meinen ersten Kaffee trank.

… wie ich mit 12 bereits einen größeren Busen als meine Lehrerin Frau Gutmann hatte und nicht in die Schule wollte.

… wie ich mit 13 von meinem besten Freund Jonas meine erste Mix-CD geschenkt bekam.

… wie ich mit 14 meinen ersten festen Freund Michael hatte und händchenhaltend mit ihm zur Bushaltestelle lief.

… wie ich mit 15 mit Evelyn zu Halloween als Bachtänzerin verkleidet auf meine erste Party ging.

… wie ich mit 16 in einem Puppenmuseum mit meiner Puppenphobie konfrontiert wurde und meine Freundin Jana einen Lachanfall bekam.

… wie ich mit 17 mein erstes Mal mit Grasi hatte und dachte, alle lügen mich an, wenn sie sagen, „das“ sei schön.

… wie ich mit 18 mit meiner Freundin Christiane Kröten über die Straße half.

… wie ich mit 19 Abitur machte und beschloss, ohne meinen Freund Moritz nach Frankfurt zu ziehen.

… wie ich mit 20 im ersten Semester Cora kennenlernte und sie im Paternoster frage, ob wir jetzt Freundinnen sind.

… wie ich mit 21 nach Wien zog, um vor der Votivkirche mit Claudia Ingeborg Bachmann zu lesen.

… wie ich mit 22 nach Frankfurt zurückkam und Marie erzählte, ich wüsste genau, was ich wollte, aber keinen Plan hatte.

… wie ich mit 23 meinen Ex-Lover Carl gestalkt habe, weil ich einfach nicht über ihn hinweg kam.

… wie ich mit 24 zum ersten Mal mit Linus in der Dramatischen Bühne war und ein Schauspieler eine Wurst auf dem Kopf hatte.

… wie ich mit 25 von Ilona erfuhr, dass ich Potential habe und mich nicht immer unter Wert verkaufen soll.

… wie ich mit 26 merkte, wie sehr mein Vater Rolf sich veränderte und Angst bekam, er könne bald sterben.

… wie ich mit 27 zum ersten Mal einen Joint rauchte und Mirri mir die Haare halten muss.

… wie ich mit 28 der Rede von Patrick zuhörte, der unseren Vater beerdigte.

… wie ich mit 29 Ute erzählte, dass es mir jetzt besser geht und ich schon drüber hinwegkommen werde.

… wie ich mit 30 mit meinem Mitbewohner Tim stundenlang in der Küche saß , rauchte und über Politik diskutierte.

… wie ich mit 31 diese Zeilen schreibe und mir wünsche, ich wüsste schon, wer das Gegenüber dieses Lebensjahres würde.

 

Denn von mir aus gesehen gibt es keine Zeile, die ohne dich auskommt.

Und das, obwohl unsere Sprache es kann.

 

Von jetzt aus gesehen morgen weiß ich es vielleicht.

Und von morgen aus gesehen gestern um, von diesem Breitengrad aus gesehen, 13.09 Uhr finde ich keinen Bogen, um diese Gedanken zu beenden. Vielleicht beende ich ihn also einfach wie ich einen jeden Tag beende: Ich mache einfach die Augen zu.