Temporäres Schwerpunktthema hier leben 

 

»hier leben«, das aktuelle Schwerpunktthema des Kulturfonds Frankfurt RheinMain rückt Perspektiven für das Zusammenleben in den Mittelpunkt:
Wie verändern weltweite Krisen (Klima, Pandemie, Krieg) unsere Gesellschaft? Wie können wir in einer heterogenen Welt Lebensräume neu denken und die Region neu definieren?
Welche Chancen und Möglichkeiten bietet das Rhein-Main-Gebiet dafür? Im Kontext großer gesellschaftlicher Aufgaben, etwa im demokratischen Diskurs und der Bewältigung existenzieller Krisen, trägt die Kultur wesentlich dazu bei, Antworten auf diese Fragen zu finden.

 

»hier leben«
Das neue Schwerpunktthema des Kulturfonds rückt Perspektiven für das Zusammenleben in den Fokus.

Die existenziellen Herausforderungen, vor denen wir im 21. Jahrhundert stehen, haben sich in den beiden vergangenen Jahren in atemberaubender Geschwindigkeit zu Kulminationspunkten verdichtet: Seit Anfang des Jahres 2020 hält eine in zyklischen Abständen seit langem angekündigte Pandemie die Welt in Atem; die Auswirkungen des Klimawandels sind in der Flutkatastrophe des Sommers 2021 so nahe gerückt wie zuletzt bei der Jahrhundertflut 2002; die seit 1989 zunächst gewachsenen und seit der Jahrtausendwende wieder gesunkenen Hoffnungen auf eine Annäherung zwischen Ost und West sind durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine endgültig zerstoben. Die dadurch ausgelöste Inflation, die bedrohliche Lebensmittel- und Rohstoffknappheit und die hieraus resultierenden gestiegenen Energiekosten lassen weltweit große Schichten der Gesellschaft in Unsicherheit leben.

Bereits unter dem Dach der Themenschwerpunkte »Transit« und »Erzählung.Macht. Identität« hat der Kulturfonds Kulturprojekte gefördert oder initiiert, die sich mit Phänomenen unserer Gegenwart auseinandersetzen: den Migrationsbewegungen seit 2015, oder der Frage, wie und welche Narrative zu unserer Identität beitragen und welche Mächte dabei im Spiel sind. Das Postulat »hier leben« schließt gewissermaßen unmittelbar daran an, es kann eine Forderung sein oder eine Frage, eine Feststellung oder ein Wunsch, es kann bedeuten: leben in Deutschland, leben im Jetzt, leben in der Zukunft, leben auf der Erde. Es umfasst Fragen von Diversität und Zugehörigkeit, Krisen und Wandel, Räumen und Atmosphären.

Eine so diverse Region wie das Rhein-Main-Gebiet bietet besondere Chancen für solche Überlegungen; in Arbeitszusammenhängen insbesondere der regionalen Gesellschaften ist die Frage, wie wir in unserer heterogenen Welt Lebensräume denken und die Region neu definieren können, ominpräsent.

Bereits vor 40 Jahren hat John Cage (1912 – 1992) in seinem anlässlich der Veranstaltungen zu seinem 70. Geburtstag gehaltenen Vortrag »Ineinanderwirken« einen »bEdarf des WaNdels« skizziert und diesen an verschiedenen Parametern seiner Gegenwart festgemacht: etwa am »VerhältnIs / zwischeN Kunst / und GEld«, er diagnostiziert: »die gesellschaft bedaRf / einer Kur / siE muß / veräNdert werden«, und er verweist auf Buckminster Fullers Projekt, »die Rohstoffquellen der Welt / mit / dem BedaRf überein« zu bringen, »so daß das system wirKlich / funktioniErt«, »uNd für alle / nicht bloß für die reicheN«, er skizziert eine »verWendung / von energIequellen / übeR der erde / statt fossilen kraftstoffs / bEssere luft / gesüNdere gewässer«.[1]

Wir sehen also, »hier leben« ist ein Thema nicht nur für Zukunftswissenschaftler, sondern durchaus auch für die Künste. So wie Marcel Duchamp (1887 – 1968) der Meinung war, die Vollendung des Kunstwerkes liege eigentlich in den Augen und Ohren der Betrachtenden, so müssen wir auch als Kunstschaffende unsere aktuelle Lebenswirklichkeit beherzt in die Hände nehmen und proaktiv darauf hinwirken, dass ihre Parameter bewältigbar und für alle Schichten der Gesellschaft lebbar bleiben.

Es gibt also Hoffnung: »hier leben«, das soll auch heißen, dass wir – um die wohlfeile Phrase zu bemühen – Krisen als Chancen verstehen, dass wir unsere Umgebung verantwortungsbewusst mitgestalten, dass wir angesichts der vielfältigen und rasanten Veränderungen unser Ideal einer lebenswerten Gesellschaft nicht aufgeben.

Julia Cloot

 

[1] John Cage: Ineinanderwirken, in: ders.: Komposition im Rückblick, deutsch von Robert Schnorr. Wittener Tage für Neue Kammermusik 1982. Originalfassung: Composition in Retrospect, in: X. Writings 79 – 82. Middletown 1983.