Erster Flucht- und Rettungsplan für die Rhein-Main-Region
12. September bis 5. Oktober 2014
Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main


Steigt man am Mainzer Hauptbahnhof in die S-Bahnlinie 8 und fährt mit ihr bis nach Hanau, so entspricht das ziemlich genau einer Durchquerung des Großraums Tokio mit seinen 35 Millionen Einwohnern. Der gilt nicht erst seit dem Erdbeben und der Nuklearkatastrophe von 2011 als unevakuierbar. Der japanische Regisseur und Konzeptkünstler Akira Takayama hat es sich von daher zur Aufgabe gemacht, dort, wo ein Entkommen aus amtlicher Sicht unmöglich erscheint, nach individuellen Rettungsalternativen zu suchen, neue Schutzräume zu konzipieren und bislang unbekannte Fluchtwege zu kartografieren.

  • Recherche für „EVAKUIEREN“ in Frankfurt, © Teresa Bernauer
    Recherche für „EVAKUIEREN“ in Frankfurt, © Teresa Bernauer
  • Akira Takayama, Recherche für „EVAKUIEREN“ in Frankfurt, © Teresa Bernauer
    Akira Takayama, Recherche für „EVAKUIEREN“ in Frankfurt, © Teresa Bernauer
  • „The Complete Manual of Evacuation
    „The Complete Manual of Evacuation", Tokyo 2010, © Masahiro Hasunuma
  • „The Complete Manual of Evacuation
    „The Complete Manual of Evacuation", Tokyo 2010, © Masahiro Hasunuma

EVAKUIEREN startet am 12. September 2014 und verleiht als erster Flucht- und Rettungsplan für die Rhein-Main-Region der Idee des Evakuierens neue Bedeutung. Vom Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm aus entwickelt derzeit ein internationales Künstler- und Research-Team unter der Leitung von Akira Takayama das großdimensionale, Internet und Stadtraum verknüpfende Kunst-Event.

EVAKUIEREN lädt vom 12. September bis 5. Oktober für drei Wochen dazu ein, sich an bis zu 30 S- und Straßenbahnstationen entlang der Linien S1, S8, S9 und an den Bahnhöfen zwischen Frankfurt-Ost und Hanau und einem weiteren Schwerpunkt in Darmstadt zu zahlreichen Neuerkundungen verleiten zu lassen. Bahnstationen zwischen Wiesbaden, Mainz, Frankfurt, Offenbach und Hanau werden zu Start- und Ausgangspunkten für Kunstaktionen, Inszenierungen und künstlerische Ready-Mades, Transformationen und Interventionen, geheimen Versammlungen und Spurensuchen. Und statt der theaterüblichen Eintrittskarte bedarf es lediglich eines gültigen RMV-Tickets.

Ein interaktives Web-Portal leistet mit dem Projektbeginn am 12. September unter www.evakuieren.de die erforderliche Fluchthilfe: Mit wenigen gezielten Einstiegsfragen ermittelt die Webseite den individuellen Grad an Alltagsverdrossenheit oder urbaner Identitätsmüdigkeit. Als Ergebnis dieser kurzen Befragung schlägt das Programm Rettungssuchenden einen ersten Ausgangspunkt innerhalb des RMV-Netzes vor, eine S-Bahn-Station im Grünen, vor den Werkstoren oder mitten im Zentrum der Stadt. Auch bietet die Website eine Übersicht über sämtliche ins Projekt integrierten Bahnhöfe und Stationen, wichtige Basisinformationen wie besondere Öffnungszeiten oder eventuell vor Ort anfallende Kosten. Die jeweils zu erwartenden Ereignisse am Ende des Weges lassen sich hingegen online nur erahnen.

Konkrete Hinweise geben Karten und Skizzen, die ein Team japanischer Grafik- und Animationskünstler für jede Evakuierungsroute individuell gestaltet hat. Diese können vor dem Start ausgedruckt oder aufs Smartphone geladen werden. Sie locken auf ungewöhnliche Pfade, leiten zu unbekannten Rückzugsorten, verführen zu unerwarteten Begegnungen mit sonst Unsichtbaren und verwandeln noch vor dem Aufspüren der eigentlichen Ziele die vertrauteste Umgebung in urbane Rätsel.

Zu dem internationalen Projektteam gehören Künstler aller Disziplinen, wie Mariano Pensotti aus Buenos Aires, Carlos Motta aus New York, Nuno Ramos und das Kollektiv OPOVOEMPÉ aus São Paulo, aus Deutschland unter anderen die Künstlergruppe LIGNA, der Videokünstler Chris Kondek, die Regisseure Hendrik Quast und Maika Knoblich und der Komponist und Klangkünstler Anton Berman. Den Flucht- und Rettungsplan entwickelt Akira Takayama gemeinsam mit einer künstlerischen Research-Gruppe und der Frankfurter Kuratorin Annette Gloser. Es beteiligen sich Studierende der Hessischen Theaterakademie, der Universitäten Mainz und Frankfurt, der Hochschule für Gestaltung Offenbach und der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule.