Das erste Kooperationsprojekt des Kulturfonds Frankfurt RheinMain
Zeitraum 2009 bis 2012
Region Frankfurt Rhein-Main


Ein Kooperationsprojekt mit 20 Projektpartnern und mehr als 25 Veranstaltungen.

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“ (Paul Klee)

Fast leitmotivisch passt dieses berühmte Zitat des Malers Paul Klee zu dem ersten großen vom Kulturfonds initiierten interdisziplinären Kooperationsprojekt Phänomen Expressionismus. Mehr als fünfzehn Kulturinstitutionen der Rhein-Main-Region widmen sich seit August 2009 und noch bis zum Jahr 2012 in umfangreichen Werkschauen, Retrospektiven, Ausstellungen, Konzerten, Film- und Bühnenprojekten sowie einem Symposium der von Aufbruch und Erneuerung gekennzeichneten Epoche des Expressionismus im ersten Drittel des XX. Jahrhunderts. Mit der umfangreichen Epochenschau möchte der Kulturfonds die expressionistische Kunst in ihrer facettenreichen, disziplinübergreifenden Ausprägung vorstellen und gleichzeitig sichtbar machen, wie eng das Rhein-Main-Gebiet mit der Stilepoche des Expressionismus verflochten ist.

Phänomen-Expressionismus-Logo

Bildende Künstler des Expressionismus und zeitgenössische Kunstsammler der Region
In Aschaffenburg wurde mit Ernst Ludwig Kirchner im Jahre 1880 der wohl bedeutendste Maler, Grafiker und Bildhauer des Expressionismus und Gründungsmitglied der Künstlervereinigung „Brücke“ geboren. Der ihm freundschaftlich verbundene Kunstsammler Carl Hagemann lebte in Frankfurt und begann hier mit seiner Sammlung expressionistischer Werke, die sich heute zu einem Großteil in der Obhut des Städels befindet. Das Städel Museum war schließlich auch eines der ersten Museen, das bereits 1919 Arbeiten des Künstlers kaufte. Aufbauend auf diesem hauseigenen Bestand präsentiert das Städel in seiner umfangreichen Ernst Ludwig Kirchner-Retrospektive Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers.

Der lange Jahre in Hofheim lebenden Malerin und Galeristin Hanna Bekker vom Rath wiederum ist es zu verdanken, dass sich im dortigen Stadtmuseum Hofheim ein beachtlicher Bestand an grafischen Werken des Expressionismus befindet. Ludwig Meidner wie auch Karl Schmidt-Rottluff wirkten eine Zeitlang in Hofheim, wo ihnen Hanna Bekker vom Rath Atelier und Unterkunft zur Verfügung stellte. Das Stadtmuseum Hofheim stellt nun in seinem Ausstellungsbeitrag BRÜCKE und Blaues Haus die beeindruckenden Holzschnitte und Holzskulpturen der Brücke-Künstler Erich Heckel, Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff aus. Unweit von Hofheim am Taunus in Bad Homburg widmet sich die Altana-Kulturstiftung im Sinclair Haus unter dem Titel Christian Rohlfs – Musik der Farben dem Einzelgänger unter den expressionistischen Künstlern der Moderne, denn wie kaum ein anderer Maler öffnete sich Christian Rohlfs zwar den neuen Kunsttendenzen, gab dabei aber sein eigenes künstlerisches Profil nicht auf.

Das Museum Wiesbaden, im Besitz der Sammlung der Galeristin und Mäzenin Hanna Bekker vom Rath und zugleich der weltweit größten Bestände an Werken Alexej von Jawlenskys, portraitiert im Rahmen des Kooperationsprojekts mit der Ausstellung Das Geistige in der Kunst – Vom Blauen Reiter zum Abstrakten Expressionismus die 1911 in München gegründete Künstlergemeinschaft „Blauer Reiter“, der auch Jawlensky zugehörig war, der von 1921 bis zu seinem Tod 1941 in Wiesbaden lebte. In Anlehnung an Kandinskys kunsttheoretische Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ (1911/1912) interessieren die Ausstellungsmacher des Museums Wiesbaden die ästhetischen Einflüsse, die die Künstlergruppe bis in die amerikanische Malerei der Nachkriegszeit ausgeübt hat.

Das Jüdische Museum in Frankfurt wendet sich mit seiner Ausstellung Else Lasker-Schüler. Die Bilder dem bisher verborgenen und unerforschten bildkünstlerischen Werk der Literatin Else Lasker-Schüler zu, die als eine der führenden Vertreterinnen der avantgardistischen Moderne und des Expressionismus gilt. Die hohe Qualität und ästhetische Eigenständigkeit ihres bildkünstlerischen Schaffens sollen nun erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Bauten, Klänge, Filme, Sprache – die Facetten des Expressionismus
Der die künstlerischen Disziplinen übergreifende Ansatz der Veranstaltungsreihe „Phänomen Expressionismus“ steht beispielhaft für den inhaltlichen Gewinn, der mit der Vernetzung von Kulturinstitutionen und ihrer Aktivitäten in der Rhein-Main-Region einhergeht. Erst die Kooperationen ermöglichen es, die ästhetische Breite dieser epochalen Bewegung darzustellen. Denn für die Universalität des Expressionismus kennzeichnend ist sein Einfluss auf alle künstlerischen Sparten: In Literatur, Tanz, Musik, Theater, Film und Architektur drängten die Künstler danach, den Bruch mit dem Vorangegangenen zu vollziehen und nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten und Kompositionsweisen, zuletzt nach neuen Lebensweisen zu suchen. Expressionistische Architektur ist in der Region mit Bauten u. a. von Peter Behrens und Martin Elsaesser hochrangig vertreten. Die Werkschau Martin Elsaesser und das Neue Frankfurt im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt dokumentiert das Wirken und die Bauten Martin Elsaessers, der während seiner Zeit als künstlerischer Leiter des städtischen Hochbauamtes in Frankfurt von 1925 bis 1932 u. a. mit seinen expressionistischen Backsteinbauten zur Gestaltung des „Neuen Frankfurt“ beigetragen hat.

Das Institut Mathildenhöhe Darmstadt realisiert in Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum in Frankfurt, das einen bedeutenden Bestand zum expressionistischen Film besitzt, mit der umfassenden Übersichtsschau Gesamtkunstwerk Expressionismus – Film, Kunst, Literatur, Theater, Tanz und Architektur 1905 – 1925 erstmals eine umfassende Darstellung der stilistischen Wechselwirkungen und Parallelentwicklungen aller künstlerischen Gattungen des Expressionismus. Gezeigt wird u. a. der erste expressionistische Film „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (UA, Berlin 1920). Die Gestaltung der Filmkulisse – der Umgang mit Linien und Ebenen – belegt eindrucksvoll den Einfluss der bildenden Kunst und der Architektur des Expressionismus auf die Filmkunst. Die Regie für diesen Film hätte eigentlich Fritz Lang übernehmen sollen, der lehnte diesen Auftrag wegen anderer Verpflichtungen jedoch ab. Robert Wiene übernahm die Regie und wurde mit „Caligari“ sehr erfolgreich. Ein Erfolg, der Fritz Lang und seinem Monumentalfilm „Metropolis“ zunächst verwehrt blieb. Er scheiterte bei der Uraufführung in Berlin 1927. Seine düstere Zivilisations- und Technikkritik wollte in voller Länge kaum jemand sehen und so begann die Fragmentierung des bis heute legendären Films, weshalb dieser über Jahrzehnte dem Publikum nur als „Torso“ bekannt war. Durch den sensationellen Fund verschollener, umfangreicher Fragmente der Originalfassung in Argentinien konnte die in Wiesbaden ansässige Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, insbesondere durch die Förderung des Kulturfonds, nun die verloren geglaubte Originalfassung fast vollständig wiederherstellen. Die Welturaufführung der restaurierten Fassung dieses späten expressionistischen Films Metropolis (1927/2010 ) findet unter musikalischer Begleitung des Staatsorchesters Braunschweig in der Alten Oper Frankfurt statt.

Das Hessische Staatstheater Wiesbaden beteiligt sich mit unterschiedlichen Beiträgen und Veranstaltungsformaten an dem interdisziplinären Kooperationsprojekt „Phänomen Expressionismus“.
Die Multimedia-Künstlerin Rebecca Horn wird das emotionsgeladene Musikdrama Elektra von Richard Strauss zur Premiere bringen. Der antike Mythos in der literarischen Bearbeitung des expressionistischen Dichters Hugo von Hofmannsthal und der Vertonung durch den Komponisten Richard Strauss veranschaulicht in seinem Zusammenspiel von Klangformung und Figurencharakterisierung die erhöhte Empfindsamkeit und reflektierte Wahrnehmung des Gefühlslebens am Übergang zur Moderne.

In der Autorenreihe des Staatstheaters Wiesbaden „Dichter ran!“ werden expressionistische Prosa sowie Lyrik und Kurzdramen u. a. von Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn, Walter Hasenclever und Georg Kaiser gelesen. Zu erleben sind außerdem die Bühnenstücke W.Kandinskys Violett (1914) und Der gelbe Klang. Stephan Thoss, der Ballettdirektor des Theaters, setzt sich in einer Lecture-Demonstration mit dem Expressionistischen Bühnentanz und seinen Folgen auseinander.

Gleich drei renommierte Klangkörper der Region, das Ensemble Modern, das Ensemble Modern Orchestra und die Junge Deutsche Philharmonie, ermöglichen es durch ihre Konzerte, wichtige und namhafte Vertreter der expressionistischen Musikszene zu erleben. Dabei verfolgen alle drei Formationen unterschiedliche Ansätze der Interpretation und Präsentation der Werke:

Das Ensemble Modern bringt neben dem Werk „Fünf Orchesterstücke” von Arnold Schönberg das Werk des russischen Komponisten Edison Denissow „Drei Bilder nach Paul Klee“ zur Aufführung und spielt Stücke des in Hanau geborenen und mit der Vertonung expressionistischer Texte befassten Komponisten Paul Hindemith. Den Kern ihres Konzertprogramms bilden die aktuellen kompositorischen Auseinandersetzungen mit expressionistischer Lyrik z.B. aus der Sammlung „Expressionismus grotesk“.

Die Formation Ensemble Modern Orchestra spielt unter der Leitung von Peter Eötvös Werke von Arnold Schönberg und bringt drei Neu-Kompositionen mit Bezügen zum Expressionismus der zeitgenössischen Musiker Jens Joneleit, Bruno Mantovani, Johannes Maria Staud zur Aufführung.

Die Junge Deutsche Philharmonie stellt mit ihrem interdisziplinären Projekt „FREISPIEL 2010“ den Wiener Expressionismus in den Mittelpunkt ihrer zeitgeschichtlichen Auseinandersetzung mit dem Expressionismus und veranschaulicht dessen außergewöhnliche Entwicklungsgeschichte und seine vielfältigen Tendenzen mittels eines intermedialen und ortsspezifischen Parcours. Mit FREISSPIEL 2010: KLANG-RAUM-WIEN löst die Junge Deutsche Philharmonie die Form des Konzerts auf. Sie setzt Kompositionen in einen neuen Kontext, indem sie für die Aufführung und Rezeption von Musik ungewöhnliche Orte aufsucht. So schlägt sie auf kreative und spielerische Art und Weise Brücken zu den übrigen Künsten, ihren expressionistischen Vertretern und den gesellschaftlichen Strömungen der Zeit. Zugleich wird die Musik noch intensiver erlebbar.

Ein interdisziplinäres Symposium in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und der Goethe-Universität zum Thema „Expressionismus heute“ wird die verschiedenen Kunstgattungen, die am Expressionismus partizipieren, dialogreich zusammenführen. Auf außergewöhnliche Weise spiegelt es die inhaltliche Vielfalt des Projekts „Phänomen Expressionismus“ wider. Musiker, bildende Künstler und Schriftsteller sind eingeladen aus unterschiedlichsten Perspektiven Werke des Expressionismus zu kommentieren, eigene Arbeiten vorzustellen, aktuelle Beziehungen zu erläutern. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Institute halten Vorträge über Expressionismus in Musik, Literatur und bildender Kunst.

Ausführliche Informationen zu den oben aufgeführten Veranstaltungen finden Sie in der Rubrik Projekte unserer Internet-Seite.

Partner

  • Junge Deutsche Philharmonie, Frankfurt am Main
    www.jdph.de