Ausstellung
3. April bis 31. Juli 2011
Museum Giersch, Schaumainkai 83, Frankfurt am Main


Das Museum Giersch stellt mit einer umfangreichen Ausstellung in der Reihe „Phänomen Expressionismus“ erstmalig die Kunst des Expressionismus und dessen Rezeption im Rhein-Main-Gebiet vor. Die vor einhundert Jahren heftig diskutierte Kunstrichtung begeisterte auch die jungen Künstler dieser Region und erhielt von hiesigen Sammlern, Händlern und Museumsleuten entscheidende Förderung. Die Ausstellung bietet viele Entdeckungen und gibt insgesamt einen Überblick über die dichte und facettenreiche Szene des expressionistischen Kunstbetriebs.

  • Carl Gunschmann, „Selbstbildnis mit Blumenstrauß“, 1917, Institut Mathildenhöhe Darmstadt
    Carl Gunschmann, „Selbstbildnis mit Blumenstrauß“, 1917, Institut Mathildenhöhe Darmstadt
  • Gottfried Diehl, „Heiliger Sebastian“, 1919, Haus der Stadtgeschichte Offenbach am Main
    Gottfried Diehl, „Heiliger Sebastian“, 1919, Haus der Stadtgeschichte Offenbach am Main
  • Ernst Ludwig Kirchner „Königstein mit roter Kirche“, 1916, Privatbesitz © Rheinisches Bildarchiv Köln / Britta Schlier
    Ernst Ludwig Kirchner „Königstein mit roter Kirche“, 1916, Privatbesitz © Rheinisches Bildarchiv Köln / Britta Schlier

Expressionistische Werke von Malern der „Brücke“ oder des „Blauen Reiters“ waren bereits vor dem Ersten Weltkrieg in Frankfurter Kunsthandlungen zu sehen. Schon bald schlossen sich jüngere Künstler und Akteure im Kunstbetrieb dem leidenschaftlichen Avantgardismus an. Auch die in Frankfurt lebenden Künstler Franz Karl Delavilla, Alexander Soldenhoff oder August Babberger ließen sich vom Expressionismus inspirieren.

Drei herausragende Protagonisten des Expressionismus lebten und arbeiteten zeitweise in der Rhein-Main-Region. Ernst Ludwig Kirchner setzte sich 1916 während seines Aufenthaltes im Sanatorium Dr. Kohnstamm in Königstein intensiv mit der Landschaft des Taunus auseinander. Auch Max Beckmann kam in Folge des Ersten Weltkrieges an den Main. Er vollzog in Frankfurt einen radikalen Stilwandel, erarbeitete eine sehr persönliche Variante des Expressionismus und zeigte erstmals 1919 die beeindruckenden Ergebnisse seiner neuen, ausdrucksstarken Malerei. Alexej Jawlensky setzte seit 1921 in Wiesbaden mit großer Konsequenz die Arbeit an seinen Bildserien fort, die mit der Zeit immer stärker auf Abstraktion ausgerichtet waren: die „mystischen“ und die „abstrakten Köpfe“ und schließlich die „Meditationen“.

In Darmstadt entstand ab 1915 eine eigene expressionistische Szene mit Schriftstellern und Künstlern. Der in Darmstadt geborene Autor Kasimir Edschmid war 1919 Mitgründer der „Darmstädter Sezession“, welche 1920 die Schau „Deutscher Expressionismus Darmstadt 1920“ veranstaltete. Neben vielen überregional beachteten Vertretern des Expressionismus waren auf ihr u. a. die heimischen Künstler Ewald Dülberg, Reinhold Ewald, Carl Gunschmann und Herman Keil vertreten. Ebenfalls 1920 gründeten in Frankfurt die Maler Hanns Ludwig Katz, Emil Betzler und Gottfried Diehl die Gruppe „Ghat“, die auf genossenschaftlicher Basis einen neuen Ansatz im Kunstbetrieb versuchte. Sowohl der Gruppe „Ghat“ als auch der „Darmstädter Sezession“ widmet die Ausstellung des MUSEUMGIERSCH eigene Bereiche. Andere Räume gewähren Einblicke in die Sammlungen von Carl Hagemann und Hanna Bekker vom Rath. Durch eine Reihe von Exponaten wird zudem an die bis heute von der Kunstgeschichte noch nicht aufgearbeiteten Sammlungen von Heinrich Kirchhoff in Wiesbaden und Alexander Koch in Darmstadt erinnert. Zu wichtigen Themen des Expressionismus werden Exponatgruppen zu sehen sein: Porträts, Menschen in der Natur, Szenen urbanen Leben oder neue religiöse Bilder.

In Frankfurt am Main gab es eine besonders dichte Szene von Händlern und Sammlern. Auch Ludwig und Rosy Fischer trugen eine hochkarätige Kunstsammlung zusammen. Der Kunsthändler Ludwig Schames setzte sich in Frankfurt gleichermaßen für die regionale Kunstszene und die etablierten expressionistischen Künstler ein. In Wiesbaden entfaltete der Kunstverein ein umfangreiches Ausstellungs- und Verkaufsprogramm. An verschiedenen Orten traten Vereinigungen zur Unterstützung der jungen Kunst auf, die zu Diskussionen und Vorträgen einluden sowie Ausstellungen organisierten. Buchhandlungen der Region erweiterten kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges ihr Angebot um expressionistische Druckgrafik. Zeitgleich öffneten sich die Museumssammlungen für den Expressionismus. So baute Georg Swarzenski als Direktor des Städel in den Jahren der Weimarer Republik eine bedeutende Sammlung zeitgenössischer Kunst auf. Im Lauf der 1920er Jahre verlor der Expressionismus allmählich den Charakter einer auf die umfassende Veränderung der Gesellschaft zielenden kulturellen Bewegung. Auf Ausstellungen und besonders beim Ankauf für Museumssammlungen war der Expressionismus weiterhin erfolgreich, blieb aber umstritten. Die Diffamierungen der expressionistischen Kunst durch die Nationalsozialisten, Beschlagnahmungen und Berufsverbote sowie die künstlerischen Reaktionen im Verborgenen der Ateliers oder im Exil bilden weitere Themen der Präsentation.

In der Ausstellung werden Kunstwerke aller Gattungen zu sehen sein, neben Gemälden, Aquarellen und Zeichnungen auch Skulpturen und Druckgrafik. Zudem werden die Medien des damaligen Kunstbetriebs thematisiert.

Zur Ausstellung erscheint ein umfangreicher Katalog mit den neuesten Forschungsergebnissen.