28. November 2013 bis 23. Februar 2014
Jüdisches Museum, Frankfurt am Main


Das Jahr 1938 war ein Schicksalsjahr in der jüdischen Geschichte. Durch den „Anschluss“ Österreichs im März und die Besetzung des Sudetenlandes durch deutsche Truppen im Oktober fielen große jüdische Bevölkerungen unter die nationalsozialistische antisemitische Herrschaft. Die Pogrome im November 1938 trafen ganz unmittelbar fast alle in Deutschland und Österreich lebenden Juden und Jüdinnen. Was ihnen an Brutalität angetan wurde, geschah in aller Öffentlichkeit. Es beteiligten sich so viele Menschen daran, dass die deutsche Gesellschaft von nun an eine andere war.

  • Elfriede Lohse-Wächtler (1899–1940), Selbstporträt im Halbprofil, um 1930, © Fischer Kunsthandel & Edition
    Elfriede Lohse-Wächtler (1899–1940), Selbstporträt im Halbprofil, um 1930, © Fischer Kunsthandel & Edition
  • Hannah Ryggen (1894–1970), Lise Lotte Hermann Haslhuggen, 1938, Gewebter Wandteppich, © Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum, Trondheim (Norwegen)
    Hannah Ryggen (1894–1970), Lise Lotte Hermann Haslhuggen, 1938, Gewebter Wandteppich, © Nordenfjeldske Kunstindustrimuseum, Trondheim (Norwegen)
  • Wanda von Debschitz-Kunowski (1870–1935), Lotte Laserstein vor Abend über Potsdam, 1935, Foto: © Berlinische Galerie
    Wanda von Debschitz-Kunowski (1870–1935), Lotte Laserstein vor Abend über Potsdam, 1935, Foto: © Berlinische Galerie

In unserer neuen Ausstellung beschäftigen wir uns mit einem bislang wenig beachteten Aspekt der katastrophalen Entwicklung, dessen Folgen weit über das Jahr 1938 und auch über das Jahr 1945 hinaus reichten. Wir beschränken uns dabei bewusst auf einen kulturellen und gesellschaftlichen Bereich, der durch seine Objekte eindrucksvoll präsentierbar ist: den Kunstbetrieb. Wer dort zum Opfer und wer zum Täter wurde, zeigt diese Ausstellung. Die Besonderheit der Schau besteht darin, dass alle Akteure dem Kunstbetrieb entstammen. Was 1938 geschah, schlug sich in den Lebensläufen von Künstlern, Sammlern, Händlern, Kritikern und Museumsangestellten nieder. Nach dem „Anschluss“ wurden in Wien etwa zahllose jüdische Sammlungen von den Nationalsozialisten geplündert. Der bekannte jüdische Kunsthändler Hugo Helbing wurde im November bei den Pogromen so schwer verletzt, dass er kurz darauf starb. Wer von den Gewalttaten dabei profitierte, lässt sich im Kunstsystem besonders deutlich aufzeigen.

Die Ausstellung versammelt die Werke von verfolgten Künstlern wie Lotte Laserstein, Elfriede Lohse-Wächtler oder Jankel Adler. Gezeigt werden auch Arbeiten von NS-Künstlern wie etwa Werner Peiner oder Edmund Steppes. Korrigiert werden soll die gängige Vorstellung, im Zentrum der nationalsozialistischen Kunstpolitik hätte die Verfolgung der Avantgarde gestanden. Das Ziel war, restlos zu kontrollieren, wer am Kunstbetrieb teilnimmt. Über die Teilnahme entschieden vor allem rassepolitischen Kriterien. Die vollständige „Arisierung“ des Kunstbetriebs wurde 1938 durchgesetzt – mit Folgen bis weit in die Nachkriegszeit hinein. Mit dieser Ausstellung soll auch gerade diese nach 1945 anhaltende „Vertreibung“ jüdischer Künstler, Kunsthändler, Kritiker und Museumsfachleute aus dem deutschen Kunstbetrieb aufmerksam gemacht werden. Viele von den 1938 verfolgten jüdischen Künstlern wurden auch nach 1945 nicht mehr in Deutschland gesammelt oder sonst stärker rezipiert. Zur Vertiefung dient ein Begleitband, in dem neue Forschungen von Historikern, Kunsthistorikern und Journalisten präsentiert werden.