Temporärer Themenschwerpunkt „Transit“ nimmt Fahrt auf und findet sich in zahlreichen Projekten wieder

Der Kulturausschuss des Kulturfonds Frankfurt RheinMain beschloss in seiner aktuellen Förderrunde die Unterstützung von elf vielversprechenden Kunst- und Kulturprojekten in Frankfurt und der Rhein-Main-Region. Insgesamt bewilligte der Fonds Fördermittel in Höhe von rund 1,35 Millionen Euro. Der Vorsitzende des Kulturausschusses, Staatssekretär Ingmar Jung, sieht in der Tatsache, dass neun der elf Projekte dem Themenschwerpunkt „Transit“ zuzurechnen sind, eine Bestätigung, dass es richtig war diesen bis Ende des Jahres 2018 zu verlängern: „‚Transit‘ greift das gesellschaftliche Klima auf und spiegelt die aktuellen Umbrüche wider.
Das temporäre Schwerpunktthema, das beispielhaft für Wandel, Wechsel und Übergang steht, findet sich in vielen innovativen Ideen zahlreicher Kulturinstitutionen wieder, die die stetigen Veränderungen aufgreifen und in kreative Projekte umsetzen wollen.“ Auch Dr. Helmut Müller, Geschäftsführer des Kulturfonds, zog ein positives Resümee nach der Kulturausschusssitzung: „Das Thema ‚Transit‘ hat Fahrt aufgenommen, es bewährt sich als temporärer Schwerpunkt.“ Mit Blick auf die Förderungen ist es ihm wichtig festzuhalten, dass es durch die Förderung gelungen sei, große und kleine Projekte zu verbinden und damit einzigartige kulturelle Erfahrungen zu ermöglichen. „Die Leuchtturmprojekte sind umso besser, je stärker das Fundament ist, auf dem sie stehen, also je mehr sie von kleinen Partnern mitgetragen werden. Ebenso werden vernetzende Projekte auch in Zukunft umso bedeutender sein, je mehr sie sich auf Leuchttürme beziehen, wie z. B. unseren Schwerpunkt ‚Transit‘.“

Die Deutsche Ensemble Akademie e.V. erhält vom Kulturfonds Unterstützung für die Umsetzung ihres Musikprojekts „cresc...2017“, das sich
im November 2017 durch die Fokussierung auf das Leben und Wirken von Isang Yun dem Thema „Transit“ nähert. Der koreanische Komponist verband in seiner Musik auf außergewöhnliche Weise europäische Kompositionstechniken mit asiatischer Tradition und Ästhetik, Tradition mit Avantgarde und Kunst mit Politik. So machte er zahlreiche Momente, die exemplarisch für Transit stehen, erfahr- und hörbar.

Das Staatstheater Darmstadt möchte die Tradition der Darmstädter Gespräche weiter ausbauen und zum Teil wieder aufleben lassen. Daher geht es in der Spielzeit 2016/17 und 2017/2018 unter dem Titel „Heimweh nach Zukunft“ und speziell mit dem dreitägigen Format „Darmstädter Gespräch – Transit“ Fragen nach wie: „Wo kommen wir her?“, „Wo stehen wir gerade?“ oder „Wo gehen wir hin?“. Das Theater wird zur Arena für den Austausch von Gedanken, Ideen und Konzepten. In Form von Gesprächen, Podiumsdiskussionen, Ausstellungen, Theaterstücken, Partys, musikalischen Beiträgen und Lesungen wird das Staatstheater komplett bespielt.

Der Kulturfonds fördert zudem die Alte Oper Frankfurt mit ihrem Projekt „Transit der Kulturen“, das das Schwerpunktthema in den Mittelpunkt
der gesamten Spielzeit von September 2016 bis Ende Juni 2017 stellt. Indem die Alte Oper Wechselwirkungen zwischen Kulturen über mehrere Epochen hinweg und bis in die jüngste Gegenwart nachspürt, möchte sie einen Beitrag zum Kulturaustausch leisten und die Besucher einladen, sich auf Fremdes, auf Neues, das heißt auch auf Irritierendes einzulassen. Transit wird dabei auch interpretiert als ein Transfer von musikalischen Traditionen und Kulturen. Eine Musikreise zum Hindukusch und Musikkultur von heimatlosen, häufig auf der Flucht sich befindenden oder im Exil lebenden Minderheiten aus Syrien, Griechenland und Osteuropa stehen im Fokus des vom Kulturfonds geförderten Programms, das meist nicht der Norm eines klassischen Konzerts entspricht und sich an alle Menschen der Region richtet: vom wöchentlichen Operngänger, über den sporadischen Konzertbesucher hin zum Kultur-„Neuling“.

Wie vielschichtig „Transit“ ist, zeigt sich auch in der Ausstellung „ULAY.LIFE SIZED“, mit der die Schirn Kunsthalle erstmals einen weitreichenden Überblick über die Kunstwerke des Ausnahmekünstlers Frank Uwe Laysiepen alias Ulay gibt. Ulay gilt im Bereich der Fotografie, seiner bevorzugten Ausdrucksweise, als einer der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Eigens für die Ausstellung der Schirn hat der Künstler neue Arbeiten und Inszenierungen vorbereitet, mit denen er das eigene Leben und die Kunst zusammenführt und so über Transformation neue Identitäten schafft.

Der Kulturfonds wird sich weiterhin bei der B3, der Biennale des bewegten Bildes beteiligen und dort Projekte im Parcoursbereich fördern.

Das Museum Angewandte Kunst Frankfurt setzt sich in der Ausstellung „SPIEGELUNGEN“ mit dem Thema „Identität“ auseinander und beleuchtet, welche Auswirkung es hat, dass wir tagtäglich von spiegelnden Oberflächen umgeben sind: Schon morgens sehen die meisten Menschen in den Badezimmerspiegel, Spiegelungen in Schaufenstern lenken den Blick und viele zwischenmenschliche Interaktionen laufen wie selbstverständlich
über die glatten, reflektierenden Oberflächen von Tablets und Smartphones. Doch welche Auswirkungen haben die allgegenwärtigen Spiegelerfahrungen auf uns? Und was sagt die dauernde Spiegelung über unsere Gesellschaft aus? – Auf Fragen dieser Art sucht die Ausstellung Antworten.

Das „Festival der afropäischen Künste“ des Mousonturm Frankfurt setzt sich mit einer Welt des permanenten Wandels auseinander, in
dem Begrifflichkeiten wie Heimat, Identität, Raum und Grenze transitorischen Prozessen unterzogen werden und sich feststehenden Kategorien entziehen. Das Festival stellt mit diversen Veranstaltungs-, Ausstellungs- und Diskursformaten den Perspektivwechsel in den Mittelpunkt. Seit der Mousonturm im Jahr 2014 seine Zusammenarbeit mit dem kongolesischen Künstler Dieudonné Niangouna begann, setzt er sich verstärkt mit Fragen der Migration, des Unterwegsseins, mit postkolonialen Themen und mit Frankfurt-Rhein-Main als Knotenpunkt transkultureller Identität in Europa auseinander. Ziel des Festivals ist es nunmehr, erste Denkansätze, Begegnungen und Fragestellungen aus den vergangenen zwei Jahren zusammenzuführen und zu verdichten.

Auch das Ausstellungsprojekt „Hinter dem Pergament: Der Frankfurter Kaufmann Peter Ugelheimer“ des Dommuseums Frankfurt läuft unter dem
Schwerpunkt „Transit“ und kann dank der Unterstützung des Kulturfonds realisiert werden. Der in Frankfurt geborene und in seiner Heimatstadt
weitestgehend unbekannte Kaufmann und Verleger Peter Ugelheimer galt während der Renaissance in Venedig als Produzent höchst ambitionierter Druckwerke und als Sammler prächtiger Erstdrucke. In seinem Besitz befanden sich kostbare Bücher mit orientalisch anmutenden Einbänden und prachtvollen, ganzseitigen Illustrationen der besten Buchmalerwerkstätten Oberitaliens. In der Ausstellung erhalten die Besucher Einblick in diese außergewöhnliche Sammlung und lernen so einen in Deutschland bisher wenig wahrgenommen Teil der Kunst- und Wissenskultur der Renaissance kennen. Zudem macht die Ausstellung eine Schlüsselfigur sichtbar, die, aus dem Rhein-Main-Gebiet kommend, für die frühe Neuzeit und für den Brückenschlag zwischen Nord- und Südeuropa von großer Bedeutung ist.

Die archäologische Ausstellung „Kult und Herrschaft“ des Archäologischen Museums Frankfurt stellt die vorchristliche Religion des Nordens und die
damaligen Herrschafts- und Gesellschaftsstrukturen in den Mittelpunkt. Dabei geht es um die herausragende Rolle des karolingischen Rhein-Main-Gebiets bei der Entstehung früher Herrschaftsformen und bei der Christianisierung des Nordens. Durch umfangreiche Grabungen und Forschungen der letzten zehn Jahre in Skandinavien und im Rhein-Main-Gebiet steht jetzt ein neues, verlässliches Bild über die Bedeutung von Kultpraxis, Opferritualen und ihren Verschränkungen mit der hierarchischen Gesellschaftsstruktur des alten Nordens zur Verfügung. Eine Vielzahl seltener und kostbarer Funde der adeligen Lebenswelt und des altnordischen Opfer- und Götterkultes werden ausgestellt. Das Rhein-Main-Gebiet zeigt sich somit als Schlüssel- und Transitregion für die frühen Kontakte des Kontinents mit der nordischen Welt.

Wissenschaft und Bildung als wichtiger Förderungsschwerpunkt des Kulturfonds

Unter dem Schwerpunkt „Wissenschaft und Bildung“ fördert der Kulturfonds weitere eindrucksvolle Projekte: Die Ausstellung „Geschlechterkampf – Franz von Stuck bis Frida Kahlo“ des Städel Museums behandelt die künstlerische Darstellung und Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges in ihren unterschiedlichen sozialen und historischen Kontexten. Beispielhaft werden verschiedene künstlerische Positionen zur stets aktuellen Thematik um die Definition von „männlich“ und „weiblich“ als aktiv und passiv, rational und emotional oder natur- und kulturaffin präsentiert.

Ausgehend von Johann Heinrich Füsslis berühmtestem Gemälde beleuchtet die Ausstellung „Füsslis Nachtmahr. Traum und Wahnsinn“ ein Bildthema, das um Alptraum, Wahnsinn, Erotik, Vision und Schauer kreist. Das Gemälde, das im Besitz des Frankfurter Goethe Hauses / Freien Deutschen Hochstifts ist, gilt als Meisterwerk der schwarzen Romantik und löste schon bei seiner Präsentation einen Skandal aus: Es verbindet Traum, Alptraum und Wahnsinn mit persönlichen Obsessionen, greift Motive aus Volks- und Aberglauben ebenso wie zeitgenössische Naturwissenschaft und Medizin auf. In Gemälden, Zeichnungen, Graphiken, Büchern und Filmen beleuchtet die Ausstellung die schillernde Rezeptionsgeschichte des „Nachtmahr“, die sich bis in die Gegenwart durch unterschiedliche Medien – Kunst, Karikatur, Literatur und Film – zieht.

Ferner beschloss der Kulturausschuss die Beteiligung an einer Crowdfunding-Initative.

Insgesamt hat der Kulturfonds bislang weit über 40 Millionen Euro für kulturelle Projekte zur Verfügung gestellt und damit zahlreiche Vorhaben
verschiedener Kulturinstitutionen ermöglicht, die ohne den Fonds nicht hätten realisiert werden können. Jung und Müller erklärten abschließend: „Wir
sind zuversichtlich, mit den zahlreichen, sehr unterschiedlichen Projekten wertvolle Impulse für die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur zu geben und unseren Beitrag zu einer kulturell vielfältigen und attraktiven Landschaft in Frankfurt-Rhein-Main zu leisten.“